Damals & Heute

Kapitel 1 – Der Wunsch

Es war der Jahrhundert-Sommer 2018. 

Deutschlandweit lagen die Temperaturen durchgängig bei über 30 Grad. Die Sonne schob Überstunden – scheinbar auch nachts, denn es kühlte kaum ab. Azurblauer Himmel überall. Sogar in Hamburg. Selbst hier schien die Sonne drei Monate lang durch. Die Luft stand zwischen den Hamburger Häuserschluchten und war zum schneiden dick.

Die Hanseaten, kaum erprobt im Umgang mit Hitze und Sonne, waren überfordert. Sie sahen nur einen Ausweg: Flucht. Um diesen Kochtopf von Stadt zu entkommen, ging es für viele freitags Richtung Ost- oder Nordsee.

Auch wir fuhren ans Meer. 

Genauer gesagt nach Sankt Peter-Ording an der Nordseeküste Schleswig-Holsteins.

Doch auch hier war schon längst der Jahrhundert-Sommer angekommen. Es war heiß, die Sonne schien gnadenlos, der Himmel war wolkenlos und nicht mal ein laues Lüftchen zog vom Meer ins Land.

Es war Sonntag, der 15. Juli 2018. Mein Freund und ich waren am Strand, zusammen mit seinem Vater und Cousin. Ich schaute über den flimmernden Sand hinweg auf das kühle Meer, während die anderen drei komisch um mich herum hampelten. In Fachkreisen nennt man es „Aufwärmen“ – Als würde man das bei diesem Wetter brauchen. 

„Gleich geht es los! Der Start des 15. Gegen den Wind Halbmarathons in Sankt Peter-Ording!“, riss mich der Moderator aus der Sehnsucht nach Abkühlung. Heute ging es nicht gegen den Wind, sondern eher gegen Sonne und Hitze! Hunderte von Laufbegeisterte waren nach Sankt Peter-Ording gekommen, um den Halbmarathon zu laufen. Drei davon waren mein Freund, sein Vater und sein Cousin. Ich? Ich war nur Anhängsel. 

Ich wand meinen Blick vom Meer ab und ließ ihn über die Veranstaltung gleiten. Es gab eine kleine Bühne. Links davon gab es Verkaufsstände. Rechts davon Fressstände. Gegenüber war das Veranstaltungszelt, mit der Startnummernausgabe und später dann der Einsicht für die Ergebnisse. Etwas seitlich daneben war der Start- und Zielbereich.

Dazwischen wuselten Läufer und ihre Begleitungen hin und her. Aus den Lautsprechern dröhnte typische „Gute-Laune-Musik,-die-jeder-kennt“. Der Duft von frisch frittierten Pommes lag in der Luft. Alle waren gut drauf.

Doch spürte man die steigende Anspannung mit jeder Minute, die der Startschuss näher rückte. Immer konzentrierte wurde doch noch mal der Oberschenkel gedehnt, sich noch mal kurz gestreckt oder noch eine kleine Strecke getrabt, ehe der Mob an den Start ging. 

Als ich da so stand und beobachtet, sah ich, dass diese Veranstaltung ein großes gemeinsames Wir war. Es gab die Laufgruppen, die gemeinsam an den Start gingen, sich gemeinsam aufwärmten und miteinander redeten und spassten. Es gab die Einzelläufer, die von ihren Familien und/oder Freunden begleitet wurden. Die von ihnen motiviert und angefeuert wurden. Es gab die Läufer, die sich nicht kannten, aber über den gemeinsamen Start ins Gespräch kamen und sich gegenseitig ein gutes Rennen wünschten. 

Sie hatten alle ein Ziel und das verband sie: 21 Kilometer laufen. 

„DREI!“
Es wurde laut. Der Veranstalter fing an, runter zu zählen.

„ZWEI!“
Die Läufer rückten dichter einander.

„EINS!“
Der Startschuss fiel und für mich der Wunsch, einen Halbmarathon zu laufen. 

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